Eingelesen – Bilderbuchintegration

Lesen als Problem. Deutsche Schüler haben laut PISA-Studie Schwierigkeiten mit dem Textverstehen. Die Giesinger Stadtbibliothek geht das Problem an.

Lesefuchs Tinka Kleffner liest in der Stadtteilbibliothek Giesing

Lesefuchs Tinka Kleffner liest in der Stadtteilbibliothek Giesing

Die Kinder rücken immer näher nach vorn, machen große Augen, manche halten die Spannung gar nicht aus, stehen auf oder klatschen in die Hände. Sie alle, die sie da auf kleinen Stühlchen oder Sitzpolstern in der Stadtbibliothek Giesing versammelt sind, lauschen Tinka Kleffner. Die Schauspielerin ist eine von vielen Ehrenamtlichen, die sich im Verein Lesefüchse zusammengeschlossen haben, um einmal in der Woche in Bibliotheken oder Schulen vorzulesen. Kleffner liest aber längst nicht nur. Sie flüstert und sie schimpft, sie krächzt und sie lispelt, sie erzählt und fragt nach. Es geht um Hexen und um Plätzchen. Und sofort sprudel es aus den vielen kleinen Zuhörerern heraus: „Ich hab auch tausend Plätzchen gemacht“ ruft eine, „Ich hab den Teig probiert. Aber der war soooo eklig“ ein anderer.

“Lesen, Zuhören, Erzählen”

In ein paar Jahren müssen womöglich auch welche von diesen Kindern an den PISA-Tests teilnehmen. 2010 hat Deutschland besser abgeschnitten als in den Vorhjahren. Aber die soziale Herkunft hat nach wie vor großen Einfluss auf Leistung und Schulerfog. Und bei der Lesekompetenz lagen die deutschen Schüler nur im Mittelfeld. Gerade diese Fähigkeit ist aber besonders wichtig.”Lesen, Zuhören und Erzählen, das erweitert den Wortschatz und trägt zur Integration bei”, sagt Heidrun Langer. Sie leitet die Gruppe für Vorschüler mit Migrationshintergrund in der Giesinger Bibliothek. Mit ihr sitzen Fatima, Miriam, Shemal, Naomi, Lizzy und Julus auf den kleinen runden Hockern. Erst zaghaft, dann entschlossener klopfen sie auf das Polster neben sich: „Mein rechter, rechter Platz ist frei. Ich wünsche mir die Fatima herbei.“ Wenn die Kinder mal nicht wissen, wo rechts und wo links ist oder wie das Mädchen in Rosa heißt, helfen ihre Eltern, die zur Sicherheit dabei sitzen. Manchmal, wenn die Kleinen die Anweisungen nicht verstehen, müssen sie auch übersetzen.

“Der Trend zeigt nach oben”

Die Vorlesestunden sind längst nicht nur zur Leseförderung da. “Die Kinder sollen Spaß am Umgang mit Büchern haben, ihre Phantasie entfalten und die Bibliothek als einen Ort kennen lernen, der ihnen viele Möglichkeiten bietet”, sagt Martina Uebel, Leiterin der Abteilung Kinder- und Jugendbuch in der Giesinger Stadtteilbibliothek. Häufig lädt sie die Giesinger Schulen zu Autorenlesungen oder  Bibliotheksführungen ein: “Die Zusammenarbeit mit den Schulen läuft immer besser”, sagt sie, “wir haben jetzt überall einen festen Ansprechpartner”. Wenn aber wieder PISA-Aktionismus herrscht, wenn die Politker aufgescheucht von der neuesten Studie Gelder in die Hand nehmen, ohne recht zu wissen, wohin damit, dann ärgert sie sich: “Am Ende wird wieder irgendeine Einmalaktion beschlossen. Dann wird Geld für den Aufbau

einer Schulbibliothek bereit gestellt, für die dann gar kein Personal vorhanden ist, schon gar kein ausgebildetes. Die Lehrer werden zusätzlich belastet. Dabei gibt mit der Bibliothek eine Einrichtung, die längst Grundlagenarbeit leistet und dafür auf Unterstützung angewiesen ist.” Trotz knapper Mittel steht es mit der Giesinger Bibliothek wie mit PISA. Martina Uebel verweist auf die Statistiken: “Der Trend zeigt nach oben, die Ausleihzahlen nehmen kontinuierlich zu.”

Von Andre Weikard (am 08.12.2010)

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